Yoshinori Niwa im GOLD + BETON, Steffen Jopp im Mouches Volantes



08.03.2021Kunst
Fritzi Schneckenhaus über die Ausstellungen am 
Ebertplatz „WITHDRAWING ADOLF HITLER FROM A PRIVATE SPACE“ von Yoshinori Niwa im GOLD + BETON, 22.01. - 26.02.2021 und “Semihard” von Steffen Jopp im Mouches Volantes 13.02. - 06.03.2021

Der Ebertplatz ist der schönste Platz Nordrhein-Westfalens. Trotzdem wünsche ich mir oft, die napoleonisch-französischen Pläne wären nicht in den, der Region nicht untypischen, Bürokratiemühlen versandet. Geplant war ein Sicherheitshafen, dessen Becken sich von der heutigen Bastei 500 Meter landeinwärts ziehen sollte. Eine bestechend einfache Lösung für ein fortwährendes Problem, wäre da nicht...

Der Ebertplatz ist der schönste Platz Deutschlands, trug zuerst den Namen Deutscher Platz und verwandelte sich..., über eine kleine Verirrung namens Platz der Republik, in schlüssiger Kontinuität in den Adolf-Hitler-Platz. Nach der Befreiung Europas vom Naziregime trug er für eine kurze, aber bezeichnende Zeit wieder den Namen Deutscher Platz, bis dann der einstige Reichspräsident Friedrich Ebert herhalten musste. So könnte man meinen, man müsse, um Namensgeber dieses Platzes zu werden, nur genügend Kommunist*innen umbringen lassen,

aber you do you.

Ihr kennt den Ebertplatz, jede*r von euch hat dort definitiv zu viel Zeit verbracht und eine*r von euch hat mir im Sommer 2019 meine Tasche geklaut. Der Platz war Wilder Westen für die langweilige, aber auch gelangweilte Kunstszene Kölns, eine letzte Hoffnung, dass noch was zu holen war in der Domstadt, dazu noch meine ganz persönliche Vergewisserung, dass Köln nicht völlig im Mittelalter stecken geblieben war. Der Ebertplatz ist der schönste Platz Kölns, wäre da nicht …

7:30 Uhr morgens, Julius Vapiano, mein Chefredakteur, ruft an, panisch, er schreit: „Fritz, wie konntest du das verpassen?!! WDR hat es schon gebracht, der Kölner Stadtanzeiger auch, sogar Kubaparis ist schon online damit!! Gold + Beton und Mouches Volantes haben neue Ausstellungen eröffnet!“ Sofort sitze ich im Bett, mein Augenzucken kommt zurück, ich schaue auf die Uhr: Tatsächlich, 7:30 Uhr... „Chef, Schicht beginnt um acht!“, rufe ich ins Telefon und springe auf. Das hat mir gerade noch gefehlt. Mittlerweile kann ich mein Augenzucken schon nicht mehr vom normalen Blinzeln unterscheiden, aber was nützt es, die Kritiken schreiben sich nicht von selbst.

Durch die Verteilerebene betrete ich den Ebertplatz und atme tief ein. Die Sonne scheint, der Brunnen ist aber noch trockengelegt. Es ist gerade erst Februar und die Leute sehen eher überrascht, als genießend, zur Sonne hoch. Ich habe keine Zeit für solche Sentimentalitäten und stürme über das Pflaster, einmal quer über den Platz und laufe die Treppen zur Ladenzeile hinunter. Die verschiedenen Projekträume, die sich hier versammeln, versuchen irgendwie mit der Lockdown-Situation umzugehen. Allein dafür ringe ich mir ein Lächeln ab, während ich vor dem Gold + Beton stehe. Die Räume sind nicht zu betreten, hier steht auch nur ein altes Telefon auf einem Sockel, es reicht also völlig, sich die Nase an der Scheibe platt zu drücken.

Ich trete ein paar Schritte zurück: Das Team vom Gold + Beton hat Yoshinori Niwa eingeladen, seine Arbeit Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space zu zeigen, die vorher schon in Graz und in Düsseldorf zu sehen war. Auf dem Ladenfenster ist ein Text angebracht, der Passant*innen auffordert, alte Uniformen, Flaggen oder Militaria ihrer Nazi-Opas in einem auf dem Ebertplatz aufgestellten Container zu entsorgen. Der umlackierte Altkleidercontainer steht direkt neben dem überpeinlichen Fotoautomaten. Wenn ihr jetzt also unbedingt eure Naziuniformen loswerden wollt, dann könnt ihr auch den Künstler anrufen und mit ihm darüber reden. Falls ihr es im Stillen machen wollt, werft sie einfach in den Container, bei mondloser Nacht über den Ebertplatz schleichend.

Ich muss schmunzeln. Kunst ist süß, das hier ist süß, zu denken, dass sie es schafft, was tausende Soldaten mit Panzern und Raketen nicht aus deutschen Gehirnen rauszuballern geschafft haben. Die bittere Einsicht: Die Leute hatten in der Bundesrepublik Deutschland nie einen Grund, sich wegen der Erinnerungsstücke ihrer Nazi-Opas zu sorgen. Diese Einsicht mag für einige wenige Hoffnungsvolle zwar ernüchternd sein, berührt das eigentliche Problem aber wenig, weder die Uniform auf dem Dachboden noch eine Diskussion über selbige. Die Nazi-Opas, die heute im Gedenken und früher auf der Straße nur ihre Kleidung wechseln sollten, freuen sich über jede neue Minimalstforderung.

Hier muss sich also am Ende niemand sorgen und nicht einmal angesprochen fühlen: Das Leben nimmt friedlich seinen Lauf, die Leute schlendern an dem Container vorbei, bleiben interessiert stehen, lächeln wissend und schauen bedeutungsvoll umher.

Während Yoshinori Niwa neben dem Telefon sitzt und wartet, zeigt Steffen Jopp im Mouches Volantes seine Ausstellung SEMIHARD. Das war's. Meine Augenlider zucken so heftig, ich würde sie am liebsten an mein Stirnbein tackern. Ungläubig tasten meine Augen den Ausstellungsraum ab, aber sie finden keinen Halt. Ich versuche, mich an der Fototapete, die über die gesamte Fläche der Wände klebt, entlang zu hangeln, ein riesiges Foto von stark vergrößerten Haaren, es sieht fast aus wie Kabelsalat, nur eben aus Körperbehaarung. Kein Entkommen, nur Ekel. Ich muss mich erstmal an die Scheibe lehnen, um nicht zu Boden zu sinken. Gerade als ich langsam die Scheibe runter rutsche, krächzt es aus dem Raum heraus und ich springe auf. Unsicher blicke ich mich um, doch weit und breit ist niemand zu sehen. Aber da, ganz deutlich, höre ich Musik: Kleine süße Lautsprecher, von Innen an die Scheibe geklebt, tönen leise, aber beständig in die Stille hinein. Eine scheppernde Stimme singt:

„Ooooh,
Verstehst du, was ich fühle heute Nacht?
Du hast mich um den Verstand gebracht.“

Glaub mir, ich weiß, was du fühlst, auch wenn die Gründe andere sein mögen, denke ich, und trete ein paar Schritte zurück, um es endlich nicht mehr hören zu müssen. Langsam finde ich meine Fassung wieder, halte meine Augenlider jeweils mit Daumen und Zeigefinger fest und versuche, den Rest der Ausstellung zu betrachten.

Im Raum steht eine große Skulptur, fast wie ein Insekt. Ein Edelstahlblech, gebogen zu etwas Körperartigem, ist auf Stangen aufgebockt. Die Stangen sind ähnlich wirr gebogen, wie die Haare auf der Fototapete. Etwas weiter entfernt, an einem Stützpfeiler im Raum, lehnt eine weitere Skulptur aus Edelstahlblech. Tief durchatmend laufe ich zur Tür, schnappe mir den Flyer und versuche in dem Ausstellungstext die Fragen zu finden, deren Antworten ich nicht ertrage.

Steffen Jopp schreit auf den Platz, worauf es ihm am Ende ankommt: Auf den Schwanz und seine unterschiedlichen Härtegrade. Das hier ist allerdings nur, wortwörtlich, SEMIHARD. Purer Biologismus, eingeprügelt in armes, unschuldiges Edelstahlblech. Mit all den übergroßen Gesten fragt sich der Künstler vor allem eins: Welche Buße muss ich tun, um wirklich gar nichts ändern zu müssen? Oder auch: Wieviel kann ich reden, ohne auch nur irgendetwas zu sagen?

So streckt er mir auf dem Flyer seinen Po entgegen und erklärt alles als eine einzige „Auseinandersetzung mit dem eigenen Künstlersubjekt“1. Soll man sich am Ende fragen, wer hier eigentlich redet? Ich überlege, wen ich dann für den ganzen Scheiß verantwortlich machen kann. Aber langsam jetzt, ich bekomme schon ein schlechtes Gewissen, immerhin „legt er seine eigene Verletzlichkeit offen“2 und ich nutze es schamlos aus. Oder ist das nur mein Kritikersubjekt?

1 Ankündigungstext, Nicole Trzeja.
2 ebd.

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