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20.01.2021 | Party
Svea Mausolf über die zweittraurigste Taxifahrt ihres Lebens
Illustration: Svea Mausolf
 
Es fühlt sich an als würde ich schwimmen, rings um mich ist es finster, kein Licht, egal in welche Richtung ich auch schaue. Kleine Bläschen kitzeln meine Haut. Dann fängt es an zu rumpeln und zu blubbern. Ein unsichtbarer Sog zieht mich in eine unbestimmte Richtung. Mit der Schulter stoße ich gegen eine Wand und ich verliere meinen Schuh. Dann auf einmal sehe ich ein helles Licht. Das Licht kommt immer näher, und der Druck hinter mir wird immer größer. Mit einem Zisch... fliege ich wie eine klitschnasse Kanonenkugel auf weißen Schaum. „Pumuckl, da bist du ja.“ Vivienne packt mich am Kragen und zieht mich wieder aus dem Kölschglas heraus. „Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du dich vor der Arbeit drückst… und wie oft habe ich dir gesagt, du sollst dich nicht im Fass verstecken?“ Sie pustet mir den Schaum aus dem Gesicht und setzt mich auf die Theke. „Hier sind ein Paar Krümel, die kannst du hinten auf der Sitzbank verteilen.“

Auf einem Taschentuch liegen 2 Flusen, 3 Krümel und eine halbe Salzstange. Seit ich vor drei Jahren hier im Image an einem Kaugummi im Aschenbecher kleben geblieben bin, muss ich für Vivienne arbeiten und darf nicht mehr weg. Tagsüber schlafe ich in ihrer Hosentasche. Mit aller Kraft schlage ich das Taschentuch einmal um und ziehe es an die Kante der Theke, bis es runter auf den Boden fällt. Auf einmal wackelt der Boden unter mir. Ich stehe mit beiden Füßen auf der Ecke der druckfrischen Express-Ausgabe. Ich lese noch die Schlagzeile „Meister Eder mit Bierflasche erschlagen“, als der letzte Gast die Zeitung von der Theke nimmt und ich rücklings dem Taschentuch Richtung Boden folge. Ahhhh! …

Ich zuckte auf meinem Platz in der S-Bahn Richtung Hansaring zusammen, als ich aus diesem Traum aufwachte, und schüttelte mich kurz. Ich war auf dem Weg zu „Totò e Peppino“ - da war ich mit Julius Vapiano zum Pizza essen verabredet. Apropos, das war noch vor Lockdown-Light und sogar vor der Sperrstunde, aber schon nach dem Krieg, um die Geschichte zeitlich einzuordnen. Seit ich nicht mehr in Kneipen gehen kann, lege ich mich freitags immer ins Bett und mache „7 Hour Busy Bar Sounds for Relaxation“ auf YouTube an und gehe in die Bar meiner Erinnerungen. In der Fantasie geht alles! Die Pizza bei Totò e Peppino war fantastisch! Aber das war erst der Anfang...

Zwei Tage vorher hatte ich bei Vivienne angerufen, um zu fragen, ob wir in kleiner Runde im Image in Jonathans Geburtstag reinfeiern dürfen. Sie hatte ja gesagt, aber nur unter einer Bedingung… ich muss ihr beim Kellnern helfen, weil Bärbel krank ist. Ihr müsst wissen, Vivienne war früher bloß Stammgast im Image und ist immer eingesprungen, wenn es Borys schlecht ging. Jetzt sollte ich einspringen… Ich war also auf dem besten Weg, die neue Vivienne zu werden. Aber ich war noch nicht ganz bereit, mein Erbe anzutreten. Vorher brauchte ich noch einen Cocktail und ein bisschen Ambiente. Mit Hosentaschen voller Corona-Geld war mir kein Drink zu teuer. Das hab ich mir verdient, dachte ich auf dem Weg zum Dorint Hotel zwischen Heumarkt und Neumarkt. Julius und ich wollten in Harry’s New York Bar. Ja genau: Start spreading the news, I’m leaving today. Mal ehrlich, seid ihr nicht auch schonmal am Messehochhaus vorbeigefahren und dachtet, wow, ist das das UNO-Hauptquartier? Wie bin ich denn in New York gelandet?

Mit großen glitzernden Augen sah ich das orangene Licht auf den Gehweg schimmern. Als ich durch die großen Schaufenster schon die imposante Bar sah, wurden meine kalten Wangen ganz rot vor Aufregung. Ein glatzköpfiger Barkeeper kam angestiefelt und schüttelte schon aus der Ferne langsam den Kopf. So, das wars, mir kamen schon wieder die Tränen, und der Teufel meinte nur: „Tut mir leid, schon alles reserviert.“ Eiskalte Lüge, da waren 15 freie Tische. Zweifel kamen hoch. Hätte ich doch die Lederschuhe und den Mantel anziehen sollen, statt die Turnschuhe? Was mach ich nur falsch? Brauche ich vielleicht French Nails und Extensions? Soll ich eine Szene machen? Als ich den Barkeeper gerade mit 20 Cent bestechen wollte, zog mich Julius am Arm aus der Bar heraus. Ich warf dem Teufel noch einen bösen Blick zu, Rache ist süß, dachte ich…

Mein Magen zog sich zusammen, als ich vorschlagen musste, dass es vielleicht das Beste wäre, wenn wir einfach noch kurz in die MD Bar gehen. Weil die Corona-Zeit so traurig und schwer ist, arbeitet in der MD Bar jetzt ein Clown, nichts wie hin also! Dort angekommen, war keine Spur von einem Clown, und ich ging niedergeschlagen aufs Klo. Manchmal liegt dort übrigens auf dem Fliesenvorsprung hinter dem Waschbecken eine Line Koks, die jemand vergessen hat, dieses mal nur eine Tamponhülle. Enttäuscht wusch ich mir die Hände und guckte mich im Spiegel an. Da war der Clown, der Clown war ich, und eine kleine Träne kullerte unter die Maske… Wenigstens gab es hier jetzt Pisco Sour auf der Karte, ein kleiner Lichtblick. Bei dem fehlt allerdings die Prise Zimt auf dem Eiweiß, aber ich will mal nicht so sein. In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot, und Champagner kann man auch warm trinken. Da wusste ich außerdem noch nicht, dass das mein letzter Pisco Sour überhaupt sein sollte. Meryem packte am Tisch noch schnell ein Geschenk für Jonathan in eine Rettungsdecke ein, das Knistern machte mich ganz nervös. Ich fragte mich, ob ich heute überhaupt genug Nerven habe fürs Image. Image und MD Bar sind ja wie Yin und Yang. Entweder man geht vom Image in die MD Bar und stinkt nach Rauch, oder von der MD Bar ins Image und stinkt nach Palo Santo, so oder so, am Ende rieche ich ganz genau, wo du grade herkommst.

Aber jetzt gibt es kein zurück mehr. Jetzt lege ich meinen alten Namen ab, mein altes Leben. Aus Svea wird jetzt Vivienne, aus „4 Kölsch bitte“ wird jetzt „Es ist 4, wann geht ihr endlich?“ und jedem, der fragt, ob er anschreiben lassen darf, sag ich nur: „Du nix Geld? Dann du nix saufen! Denn auch Borys muss sein Bier einkaufen. Bevor Bärbel in den Arsch dir tritt – Zahl lieber bar, hier nix Kredit.“ Das ist das Kneipengesetz von Wirtschaftsminister Don Promillo, und das gilt, verstanden? Wie der neue Sheriff der Stadt trat ich die Saloon-Tür auf, dramatisch waberten die Rauchschwaden um mich herum, und mein goldener Colt glitzerte im sanften Kerzenlicht. Bei jedem Schritt klapperten die Sporen an meinen Stiefeln auf dem grauen Linoleumboden. Der Rauch lichtete sich, und ich sah Jonathan, wie er traurig an der Bar hing, es war schon 22 Uhr und noch keiner der von ihm eingeladenen Gäste war da. Vivienne saß regungslos daneben. Ganz ehrlich, meinen ersten Tag als Aushilfe habe ich mir anders vorgestellt… Na gut, erstmal ein Kölsch, mies gelaunt zapfte mir Vivienne eins. Genau so mag ichs, das Leid anderer verleiht jedem Kölsch einen ganz besonderen Geschmack. Hopfen, Malz, Wasser und eine bittere Träne.

Wie gewohnt, hängte ich meinen Mantel an die Garderobe hinten. Da bekommt er von allen Seiten genug Rauch ab. Es gibt nämlich nichts schlimmeres, als einen Mantel, der nicht gleichmäßig nach Rauch stinkt, was soll der Taxifahrer nachher denken? Am Tisch neben der Garderobe saßen die Stammgäste, die immer schon um 17 Uhr kommen, um dann gemeinsam „Der Bergdoktor“ im ZDF zu gucken. Einmal war ich aus Versehen schon so früh im Image, und davon kann ich jedem nur abraten. Vivienne aß damals grade eine Pizza Hawaii von McKebab zum Abendbrot, bei Bärbel war noch der Screensaver an, und der alte Mann an der Bar las eine Express-Ausgabe von 1994, die er in seiner alten Aktentasche gefunden hatte. Ich war da, um Zeit zu überbrücken, ich dachte, hier ist besser als in irgendeiner Bushaltestelle, aber da habe ich mich getäuscht… Nach 10 Minuten und zwei Kölsch war ich so deprimiert wie noch nie, als ob alles Glück mit einem alten stinkenden Staubsauger aus meinem Körper gesaugt worden wäre. Ganz vorsichtig versuchte ich, Vivienne zu erklären, dass ich jetzt gehe und meine zwei Kölsch zahlen will. Ernst genommen hat sie mich nicht und meinte nur, dass ich auch später zahlen kann, wenn ich wieder zurückkomme… Ich bin danach ein halbes Jahr nicht zurückgekommen. Faustregel ist: nicht vor 9 ins Image, sonst zahlt ihr mehr als nur euren Deckel.

Langsam trudelten die restlichen Gäste ein, und von Vivienne kam nur ein Wink mit dem Finger. Eigentlich turnt es mich mehr an, wenn man nach mir pfeift, aber gut. Vivienne zapfte, und ich verteilte das Kölsch an meine Freunde und auch an mich selbst. Es schien, als sei ich ein Naturtalent und wir zwei ein Dreamteam wie Steffi Graf und Andre Agassi. Zwischen den Runden blieb ich ganz brav sitzen und trank mein Kölsch. Die Stammgäste haben den Runden Tisch für uns freigemacht, um mit letzter Kraft noch eine Runde Darts in der dunklen Kuschelecke vorm Klo zu spielen. An dem zweitbesten Tisch im Image, dem unterm Fernseher, sah ich ein Augenpaar, das funkelte wie zwei Golddublonen im Sonnenuntergang. Jetzt hieß es: cool bleiben, denn ich kannte diese Augen, sie gehörten dem erfolgreichen Kölner Einzelhändler David Buchforst. Sein gestärkter Kragen guckte aus seinem dunkelblauen Kaschmirpullover hervor, und ich wusste sofort, wenn ich es richtig anstelle, geht unsere Rechnung heute auf ihn. Nur nichts überstürzen. Genauso wie Milchkühe wollen Millionäre gemolken werden, sie wissen es nur nicht. Aber es tut schrecklich weh, wenn die Euter prall gefüllt mit Geld sind. Meine Strategie war, ihn einfach kommen zu lassen, andere hingegen lagen schon nackt mit ihrem Portfolio auf der Brust auf seinem Tisch… Anfänger!

„Svea, der Hund muss raus, das machst du jetzt, ich kann hier nicht weg.“ Im Image wohnen zwei Hunde, der eine ist ein schwarzer Zwergpudel namens Joey, der gehört Bärbel. Der andere ist Viviennes, heißt Moritz und sieht ein bisschen aus wie ein Karpfen. Sie drückte mir die Rückholleine in die Hand. Auf dem Weg nach draußen zwinkerte ich dem Einzelhändler David Buchforst zu und ließ mich von Moritz in die Nacht führen. Ich war gerührt, dass mir Vivienne ihren Hund anvertraute und passte gut auf ihn auf und er auf mich. Es war kurz vor 12 als wir von unserem romantischen Spaziergang zurückkehrten, und alle waren auf einmal sternhagelvoll.

Jonathan bekam das volle Programm: „Happy Birthday“, „Hoch sollst du leben“ und „Wie schön, dass du geboren bist“, das nur wirklich gut ist, wenn am Ende alle total entfesselt stampfen und auf den Tisch hauen, dass alle Gläser umfallen. Bei so guter Stimmung wurde sogar David Buchforst schwach, und weil eine seiner zwei Begleitungen schon schlapp gemacht hatte, blieb ihm eigentlich nichts anderes übrig, als zu uns rüber zu kommen. Das gehört im Image eigentlich auch zum guten Ton, dass am Ende die Übriggebliebenen an einem Tisch sitzen. Lethargisch und etwas schlecht gelaunt saß ich ihm gegenüber. Vor einer Stunde unterhielten sich Jonathans Gäste noch ganz normal, jetzt brüllten sich alle an. Wie aus dem Nichts zeigte David Buchforst mit seinem nackten Finger genau auf mich und sagte: „Du gefällst mir, komm mal her!“ Und da bin ich ehrlich, von einem Einzelhändler lasse ich mich nicht zweimal bitten und setzte mich zu ihm. So ganz nah sah ich erst, dass er Haut wie eine Porzellanpuppe hatte und Haare aus Seide. Seine süßen Knopfaugen ließen mich dahinschmelzen, wir verstanden uns blendend. Ehe ich mich versah, bot er mir an, mein Bein auf seins zu legen, mit den Worten: „Leg ruhig rauf, das ist schon ok, ich bin schwul.“ Es knisterte richtig zwischen uns, er lud mich sogar zu seinem Geburtstag die Woche darauf bei ihm zuhause ein…

Als wir kurz davor waren, uns die Zungen in den Hals zu stecken, was ok ist, weil wir ja beide homosexuell sind, fiel die Nacht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Seit ungefähr 20 Minuten hatte Jonathan seinen Kopf auf der Tischkante abgelegt, ich dachte, das macht er, um sich auszuruhen, falsch gedacht. In dieser Position hatte er diskret auf den Boden gekotzt, so diskret, wie wenn man mit einem Husten seinen Pups kaschiert oder wie jetzt während der Pandemie, das Husten mit einem Pups. Am Ende kommt es immer raus. Als der Boden nicht mehr ausreichte, füllte er gekonnt die leeren Kölschgläser auf dem Tisch auf. Vom Vollrausch gelähmt, war es ihm unmöglich, die Toilette zu erreichen. Es gab nur eine einzige Möglichkeit: direkt nach Hause. Als alle bemerkt hatten, was los war, brach Panik aus. Blitzschnell waren die meisten verschwunden. Vivienne nahm mich beim Schlafittchen und sagte: „Hier sind noch 140€ offen!“ Schlotternd vor Angst rannte ich zum nächsten Geldautomaten, während Jonathan von den Übrigen nach draußen getragen wurde und David Buchforst sein Portemonnaie nicht aus der Hosentasche bekam, weil es einfach zu fett war. Ich zahlte den Deckel. Jonathan wurde draußen von 3 anderen gestützt und kotzte unaufhörlich weiter. Alle schrieen mich an, ich solle ein Taxi rufen. Nachdem das erst nicht kam, rief ich ein zweites und dann ein drittes. Nach 10 Minuten kamen dann alle drei auf einmal. Als die Taxifahrer Jonathan sahen, wussten sie genau, das könnte das Ende ihrer Lederinnenausstattung sein. Einer erbarmte sich, bittere Pille. Jetzt Daumen drücken, dass nichts mehr in ihm drin ist. Von David Buchforst konnte ich mich nicht mehr  verabschieden und ihn auch nicht fragen, wo er wohnt, wie sollte ich denn dann zu seinem Geburtstag kommen? Als Jonathan das Autofenster hinten aufmachte und seinen Kopf raushielt, machte der Taxifahrer auf der Deutzer Brücke eine Vollbremsung, stieg aus, öffnete meine Tür, zog mich am Arm nach draußen zu Jonathans Tür, drückte mir Küchenrolle und Glasreiniger in die Hand und zwang mich, die Kotze von der Karosserie zu wischen.

Vorm Image nahm der Abend einen anderen Lauf. Während ich mich auf offener Straße erniedrigen ließ, war auch David Buchforst zu betrunken, um alleine nach Hause zu finden. Und obwohl er, wie sich später rausstellte, fußläufig vom Image wohnt, bat er zwei andere, ihn im Taxi nach Hause zu eskortieren. Während der Taxifahrt schlug er vor, ganz spontan nach Paris zu fahren, einfach so nur zum Spaß, aber das Taxi fuhr einmal um den Block bis vor seine Haustür, als er bemerkte, dass er keine müde Mark mehr dabei hatte. Sie fuhren weiter bis zum nächsten Geldautomaten, den er mit letzter Kraft zu beschwören versuchte, vergeblich, der Automat verschlang seine Karten. Was nun? David hatte einen Einfall, na klar, sein Notgroschen! Schonmal gehört? Also ich nicht… Das Taxi fuhr zurück zu seiner Wohnung, er sprang aus dem Taxi raus, hüpfte in seine Wohnung und kam mit einem 500€-Schein zurück, den er leger, wie nur ein Millionär es kann, durchs Autofenster warf und sagte: „Bezahlt das Taxi, der Rest ist zum verprassen!.“

Hier im Bett stelle ich mir immer vor, dass David Buchforst mit mir allein im Taxi nach Paris fährt und wir unterm Eiffelturm heiraten. Oder wie ich mir vom Rest von den 500€ neue Schlüpfer kaufe. Oder 2 Premierenkarten für „Himmel und Kölle - Das Köln Musical“ für Meryem und mich. Oder einen Airbag-Fahrradhelm wie die Yuppies in der Südstadt. Oder ein riesiges Modell vom Kölner Dom. Oder…

Ach, Köln. If you can make it there, then you can make it there, Cologne, Cologne.
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