Ich schrumpfe und werde winzig klein und freunde mich mit den Spinnen an


02.05.2021Corona-Hobbies
Julius Vapiano
Illustration: Charlotte Hock

es fing so an, dass meine nachbarin ausgezogen ist, nein also meine vermieterin hat angerufen und gefragt ob ich ein nachmieterin weiss weil ich hatte ihr mal gesagt sie soll bescheid sagen wenn im haus was frei wird.
ich hab gesagt ich hör mich um und hab aber nicht nach dem preis sofort gefragt? dann hatte ich paar coole leute zusammen und hab sie nach dem preis gefragt und es waren circa 20 euro pro quadratmeter. da hab ich gesagt ich weiss niemanden der da einziehen will und sie hat gesagt ok.

die nachbarin hat uns pflanzen geschenkt, richtig viele, weil sie... zu ihrem freund in ein dunkles kellerloch zieht. plötzlich waren überall pflanzen und wir mussten welche umtopfen mit erde aus dem keller. leider waren in der erde kleine motten larven und es ist eine kleine motten plage in der wohnung ausgebrochen, wegen der ich immer die wände abgesucht hab nach motten, die ich totschlagen muss. ich dachte es wären motten, die auch pullis fressen, es hat sich aber rausgestellt dass es glaub ich eher andere motten waren.

jedenfalls auf der suche nach den motten war es, dass ich peggy zum ersten mal bemerkt habe, eine sehr kleine springspinne, und ich kannte sie irgendwann. manchmal sass sie über dem fenster an der decke und manchmal weiter hinten, über der einen grossen zimmerpflanze. ich hab sie angeschaut und sie hat mich angeschaut.

peggy ist bräunlich und zwei millimeter gross. sie geht immer ein kleines stück und bleibt dann wieder stehen, zum unauffälliger rüberkommen, und ich glaube sie macht dann immer ihr sicherungsseil neu an der decke fest. so bewegt sie sich scheinbar sehr langsam fort, aber wenn ich kurz weg- und wieder hinschaue, ist sie danach immer schon verschwunden.

bei dem umtopfen hab ich ausserdem gemerkt, dass ich mich im winter zu wenig um die zimmerpflanzen gekümmert hatte und eine kleine coole hatte so schmierläuse bekommen, und ich bin richtig ausgerastet darüber und hab sie versucht, mit einer nadel alle zu zerstech_en. eines tages sass peggy die springspinne auf dem fensterrahmen. ich bin näher zu ihr hin gegangen und hab sie mir angeschaut und sie ist nicht weg gegangen. ich hab ihr ein blatt papier hingehalten und sie ist direkt drauf gesprungen? und ich hab es zu der pflanze mit den läusen gehalten und sie ist peng! drauf gesprungen und hat sich ein bisschen auf ihr umgeschaut. FRISS DIE MILBEN! hab ich ihr zugerufen und sie hat gesagt ok.

abends hab ich mir die pflanze angeschaut und konnte peggy nirgends entdecken, nur die dummen läuse, und ich habe nochmal genau alles an der mini pflanze abgesucht aber peggy war weg. na t0ll sehr verlässlich hab ich gesagt und hab vodka in eine sprühflasche gefüllt und die pflanze damit eingesprüht. DA IST SIE HERAUS GEKOMMEN HAT SICH abgeseilt und ich hab gesagt oh gott oh nein! und hab sie genommen am faden aber der faden ist abgerissen während ich nach vorne gestürzt bin, um sie auf die fensterbank zu setzen und ich glaube ich hab sie zequetscht aber vielleicht auch nicht, ich hab eine stunde auf dem fussboden nach ihr gesucht aber sie war weg. da bin ich auf dem fussboden liegen geblieben, bis es dunkel draussen war.

nachts wie ich das fenster aufgemacht habe hab ich im dunkeln eine kleine spinne innen im fensterrahmen gesehen, aber keine ahnung ob es peggy war. die grösse hat gestimmt. ich wollte sie rein treiben mit einer feder, aber sie ist abgesprungen und im dunkeln verschwunden.

ein paar tage später war peggy wieder da, aber sie war schüchterner jetzt. sie sass an den gleichen stellen wie vorher und es war peggy bestimmt, ich hab sie nicht umgebracht.

eine zeit lang hab ich versucht, ihr kleine fliegen an den fensterscheiben zu fangen und sie damit zu füttern. ein mal hat es geklappt. ein mal ist ihr die fliege im letzten moment runtergefallen und sie war übelst peinlich berührt davon. ich hab ihr gesagt, wenn ich die fliegen wo drauf legen könnte wärs einfacher, aber du bist ja immer an der decke! sie hat gesagt ja das stimmt das ist blöd. ich hab ein kleines podest aus papier gebaut und oben übers fenster an die decke gehängt, da hab ich ihr wasser und manchmal paar insekten hingelegt. ich weiss nicht aber ich glaube sie ist viel schneller gewachsen ab da, oder vielleicht hat sich auch meine perspektive verschoben, weil ich so oft die mini spinne angeschaut hab.

einmal sassen wir zusammen auf dem podest ich hab ein alkoholfreies bier getrunken, und hab sie gefragt wo sie eigentlich wohnt. “in einer hängematte aus fäden” hat sie gesagt “aber wo genau sag ich nicht. hm ok, hab ich gesagt und sie hat gesagt sie kann mir zeigen wo scaffolding tree wohnt, das ist ein freund von ihr. wir sind also hinten in die ecke gegangen, wo die vorhangschiene auf die wand und die decke trifft. da sass scaffolding tree, eine fang spinne mit langen vorderbeinen, hallo scaffolding tree, hat peggy gesagt. und ich hab hallo auch gesagt, aber scaffolding tree hat nicht geantwortet, und ich hab gefragt warum er nichts sagt und peggy hat leise gesagt “er spricht nicht.” “und bewegt er sich?” peggy hat geflüstert andächtig: nein.
wir gehen zurück zum podest, während die sonne langsam zu abendsonne wird.


Die Spinne überm Schrank

“peggy warum isst du eig keine käfer?” ich sitze auf dem sofa und schaue zu ihr hoch. “die haben so einen stinkenden abwehrsaft” sagt peggy. “und motten?” “die sind so, wie fusselig? von den schuppen auf den flügeln.”
“isst scaffolding tree motten?” peggy beisst in ein stück grapefruit und schüttelt den kopf. weisst du wer ALLES frisst? sie schaut zu mir runter vom rand von der plattform. “die spinne überm schrank.” “die spinne überm schrank?” “ja also ja. kennst du sie?” ich sage nein. “komm hoch wir gehen hin!” sagt peggy. ich kletter zu ihr hoch, es dauert übelst lange, und dann nochmal bestimmt 10 minuten bis rüber zum schrank. “ich geh normalerweise an der decke lang,” sagt peggy, “aber das kannst du ja nicht.” wir müssen also oben über die schrankdecke durch den staub waten.
es ist ein langer und beschwerlicher weg und peggy muss mir bei den steilen querverstrebungen helfen, über die ich nicht alleine komme. unterwegs begegnet uns eine herde winziger heimchen. peggy fängt eins und beisst hinein, es schreit vor schmerz und wimmert dann schwächer, während das gift langsam wirkt. peggy saugt es in wenigen kräftigen zügen leer.
nach einer halben stunde sind wir am dunklen ende der schrankdecke angekommen und schauen nach oben. oben in der ecke ist ein loses, staubiges netz mit ein paar insektenhüllen und staubflusen drin. eine spinne ist nicht zu sehen. “dann hat es also gestimmt, was man sich erzählt. die spinne überm schrank ist nicht mehr da.” “und wo ist sie jetzt?“ frage ich. “manche sagen, sie sei gestorben. andere sagen, sie lauert noch irgendwo… die gängiste meinung ist – dass sie ins bad gezogen sei.” “ins bad?” frage ich, aber peggy antwortet nicht. wir schauen zusammen in das gewirr aus staubigen fäden im halbdunkel.
“siehst du das da?” fragt peggy und zeigt auf ein durchsichtiges bündel ganz hintem in dem netz. “eine abgestreifte spinnenhaut?” “das ist keine spinnenhaut. das ist mein sohn pony. das schwein hat ihn gefressen. wenn ich gross genug bin, werde ich ihn finden. und mich rächen”


KAPITEL 13
Aufbruch

peggy und ich sitzen im schatten unter einem zimmerpflanzenblättchen und trinken einen apfel smoothie. draussen spielen ein paar mücken, eine mauerbiene kommt immer wieder mit lehm vorbei, sie baut wohl irgendwas, weiter hinten beim bienenhotel.
“weisst du, was ich gegoogelt hab, nachdem ich dich zuerst bemerkt habe, als ich noch gross war?” frage ich peggy. “ich hab rausgefunden, dass leute springspinnen in kleinen glasbehältern halten und füttern, und ne zeit lang hab ich überlegt dich einzusperren.”
peggy hat eine sonnenbrille auf und ich sehe deshalb ihren gesichtsausdruck nicht, sie wirkt aber ziemlich relaxt und schlürft laut das smoothie becher eiswasser.
“ich muss da immer dran denken. ich meine, du hättest so ein nices leben, ohne gefahren, genug zu essen, jede nacht in der gleichen hängematte schlafen. aber du hättest zb nicht deine rache aktion machen können. vielleicht wär das aber auch gut gewesen? ich habs nicht gemacht. aber ich muss da immer wieder dran denken.” peggy steht auf, klappt ihren liegestuhl zusammen und nimmt ihn unter einen arm, schmeisst den plastikbecher nach unten zwischen die pflanztöpfchen. im weggehen sagt sie: “bei sonnenuntergang brechen wir auf, julius vapiano.”


KAPITEL 14
Im Ödland

in der dämmerung geht es los. unsere erste etappe ist der weg vom fenster bis zur lampe in der mitte des raums, in der zweiten nacht soll es dann weitergehen von der lampe bis zum türrahmen und von da aus weiter ins badezimmer. peggy hat mir ein gestell aus fliegenbeinen gebaut, mit dem ich wie sie an der decke entlanggehen kann. sie trägt den rucksack mit dem proviant. lange gehen wir seite an seite durch die dunkelheit.
warum wandern wir eigentlich bei nacht, frage ich peggy, du siehst doch tags viel besser? peggy antwortet, in der nacht erwartet es die spinne im bad nicht, dass wir kommen. bei der lampe schlagen wir unser lager auf. es ist noch weit vor sonnenaufgang und peggy macht ein lagerfeuer. der rauch vertreibt die motten, sagt sie und zeigt auf ein paar um die eingeschaltete lampe kreisende falter.
wir starren lange ins feuer, eingehüllt in sehr kleine decken. ich frage peggy was eigentlich mein part ist beim kampf gegen die spinne überm schrank. sie schaut mich lange mit ihren acht augen an. “ich muss gross werden und stark, um gegen sie zu kämpfen.” sie kommt auf einmal immer näher. die flammen spiegeln sich acht mal in unterschiedlichen größen, ich bin wie hypnotisiert. goodbye, sagt peggy und springt blitzschnell auf mich los. ich spüre ihre beisszähne in meiner schulter und meinem arm versinken. um mich wird es dunkel.

am morgen wache ich aus fieberträumen auf. ich bin auf dem sofa eingeschlafen, elena hat mich zugedeckt, das licht brennt. auf meinem oberarm ist ein kleiner biss, mit einem pflaster praktischerweise auch schon drüber.
peggy habe ich nie wieder gesehen.
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