Die Entzauberungsmaschine


Teil 1

09.04.2021Kunst
Fritzi Schneckenhaus über prekäre Arbeitsverhältnisse in der rheinischen Kunstwelt

Es ist Anfang 2017 und ich stehe im Atelier eines erfolgreichen Künstlers. Während er hektisch herumläuft und in unterschiedlichen Papierhaufen wühlt, versuche ich ihm zu erklären, dass das Arbeitsverhältnis, in dem ich arbeite, wohl als “scheinselbstständig” zu bezeichnen wäre. Er nickt und schaut kurz besorgt, wischt es aber schnell mit einem eher kleineren Papierhaufen vom Tisch. Wenn es nur das ist, da müssen wir vorsichtig sein, aber das sei sein Problem. Ich setze an einem anderen Punkt an und erkläre, dass von zwölf Euro Stundenlohn sich nicht leben lasse, wenn weder Sozialversicherung, Krankenversicherung, Urlaubstage, noch Krankheitsausfälle bezahlt werden. Er bleibt stehen und schaut mich kurz mitfühlend an. Das sei schwierig, das stimmt, er erinnere sich noch... ganz genau an die Zeit, als er tagsüber auf dem Bau und nachts im Atelier arbeitete. Verträumt schaut er durch den Raum und lächelt mich dann aufmunternd an: Wie schwierig solche Situationen nun mal sind, das wisse er nur zu gut, aber auch, dass es irgendwann besser werde, wenn man nur durchhält. Er sagt das ganz unschuldig, als wäre er nicht dafür verantwortlich. Ganz nebenbei solle ich doch sehen, dabei schaut er mir väterlich in die Augen, wieviel ich hier noch lernen könne, ja, es wäre sowieso eher in meinem Interesse, ihn viel mehr als Meister, nicht als Arbeitgeber, zu sehen. Ihm scheint entgangen zu sein, dass ich in seinem Atelier meinem erlernten Beruf nachgehe, sage ich nach einer eventuell zu langen Denkpause und schaue auf. Da steht niemand mehr. Der erfolgreiche Künstler ist schon weiter, durch einen der zahlreichen, unterirdischen Gänge, den irdischen Problemen entkommen.

Vier Monate später endet das Arbeitsverhältnis endgültig mit drei unbezahlten Rechnungen, die ich per Anwalt einklage. Damals wundere ich mich noch über den erfolgreichen Künstler und halte ihn für ein besonders missratenes Exemplar seines Milieus. Mein Anwalt allerdings ist schon lange nicht mehr mit Illusionen und Desillusionen beschäftigt, vor allem ist er traurig, dass der erfolgreiche Künstler so schnell zahlt und es nicht zum heiß ersehnten Gerichtsverfahren kommt. Mir soll es recht sein, ich bin nicht wegen der Show gekommen...

In einer anderen Stadt, in einem anderen Jahr, stehe ich in einem Aufenthaltsraum der Logistik-Abteilung eines Auktionshauses, dass sich auf Zeitgenössische Kunst spezialisiert hat. Die Mitarbeiter*innen der Abteilung stehen unmotiviert herum, jeder hier trägt Arbeitskleidung, fast jeder hat ein anderes Arbeitsverhältnis. Einige sind angestellt, andere arbeiten frei, selbst unter den Freien gibt es wiederum unterschiedliche Stundenlöhne. Eigentlich darf darüber gar nicht geredet werden, natürlich wissen trotzdem alle ganz genau, wer hier wieviel mehr oder weniger bekommt. Man müsse sich eben erst einmal unentbehrlich machen, dann könne man schon einen besseren Stundenlohn verhandeln. Dass ein paar wenige Mitarbeiter*innen für quasi die gleiche Arbeit das Doppelte verdienen, sei's drum, was erwartest du, wenn du dafür zuständig bist, den Müll rauszubringen und sonst vor allem damit beschäftigt, unter einer der vielen Kameras bloß nicht gelangweilt rumzustehen. Die ungleichen Arbeitsbedingungen sind eine doppelte Absicherung der Chefetage, dass es hier keine organisierten Arbeitskämpfe geben wird. Zum einen stellt es sicher, dass die Besserverdienenden der Abteilung genau wissen, dass sie von gerechterer Entlohnung eher eine Angleichung nach unten erwarten könnten, zum anderen hält es die, die davon am meisten profitieren würden, in prekären Arbeitsbedingungen ohne Kündigungsschutz: Ohne Rückhalt würden sie die meisten Forderungen einfach den Job kosten.  Keiner hat die selben Interessen, aber alle die gleiche Arbeit. Ein täglicher, subtiler Klassenkampf von oben. Nur gar nicht so subtil.

Es ist witzig und traurig zugleich, dass du in jeder noch so beschissenen beruflichen Lage ein*e Künstler*in findest, der*die die Hoffnung nicht verliert. Oder mit einem Beispiel beschrieben: Vor ein paar Tagen erzählte mir eine befreundete Künstlerin, die vor einigen Jahren bei einer gewissen Kunstbuchhandlung in Monopolstellung als Werkstudentin anfing, es wäre ihr damals wichtig gewesen, dass ihre Chefs wussten, dass sie auch Künstlerin ist. Der Job wurde also auch mit einer gewissen Hoffnung angefüllt, an den wichtigen Netzwerken zumindest peripher teilzunehmen. Ihr wurde dann natürlich relativ schnell klar, dass es ihren Chefs egal war. Es kümmerte sie einfach nicht, ob sie in ihrer Freizeit als Künstlerin arbeitete. Die Chefs kümmerten sich darum, worum Chefs sich nunmal kümmern: Dass die Werkstudentin weiterhin für ihren Mindestlohn hinter der Kasse steht.

Etwas anderes zu erwarten wäre bestenfalls naiv und das wissen natürlich auch meine Freundin, die Künstlerin, und ich. Ausnahmslos alle um mich herum werden früher oder später mit der Realität konfrontiert, während die Institutionen, Galerien und Buchläden davon profitieren, ein Netzwerk bereitzustellen, dass dann doch nur ein paar Wenigen wirklich nützt. Die prekären Arbeitsbedingungen, die teilweise ganz bewusst gegen geltendes Recht verstoßen, sind zumindest öffentlichkeitswirksam bis jetzt noch niemandem auf die Füße gefallen. Die jungen Künstler*Innen scheinen langsam aus einer Art Dornröschenschlaf zu erwachen, auch wenn sie es sich größtenteils noch nicht mit den Leuten verscherzen wollen, die potentiell in der nächsten Jury sitzen, die über das erhoffte Stipendium entscheidet. Dennoch werden die immer schneller voranschreitende Ungleichheit und die daraus resultierenden Konflikte auch den Kunstbetrieb betreffen. Ob wir handlungsfähig bleiben, entscheiden wir. Oder wir stehen eben irgendwann entzaubert da, aufgewacht aus … was weiß ich. Ich kann uns nur wünschen, dass es besser früher als später passiert.


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