A spectacular woman im BPA Space


25.05.2021 | Kunst 
Jana D. über Annabelle Agbo Godeau – A spectacular woman. BPA Space, Parkhaus Maastrichter Str. 10, Ecke Brabanter Str.
23. April - 23. Mai 2021

Es ist Mitte Mai und es ist, klimatisch gesprochen, immer noch Winter. Außerdem gibt es jetzt jeden Tag aufs Neue die gleiche Überraschung; also immer dann, wenn einem um fünf nach Neun noch auffällt, dass es im Haushalt wirklich dringenden Bedarf an Tabak, Bier oder Schokoriegeln gibt, dieser sich aber höchstens erst wieder am nächsten Tag decken ließe. Weil man heutzutage ja aber um Elf Uhr morgens auch keine Biere mehr trinkt, ist die Dringlichkeit beim Aufwachen... dann natürlich längst überwunden worden, was man aber auch irgendwie als nicht das schlechteste Szenario einordnen könnte, zB. wenn man das Glas immer schön halb voll sieht. Und generell scheint das sprichwörtliche Glas bei mir tatsächlich gerade recht gut gefüllt. Also, es geht gerade alles und zwar trotz Allem, irgendwie unerhört gut. Meine eigentlich schon vor der pandemischen Lage ziemlich konstante Doomer-Attitüde hat sich in ein ziemlich penetrantes und vollkommen parareales das wird schon gekehrt. Und auch das sehr berechtigte, auf diese, zugegebenermaßen ziemlich entleerte Phrase folgende du nervst kann dem gar nichts abtun.

Und man will der Kunst zwar nicht mehr Bedeutung zumessen, als es ihr gut tut und als sie, in ihrer tendenziell autonomen Logik, überhaupt haben will, aber möglicherweise hat mein, offenbar ebenso von vielen Dingen losgelöstes halbvolles Glas auch damit zu tun, dass es wieder Besuchsziele gibt.

Gut ist für mich dabei, dass man dort potenziell auch ein paar Leute treffen kann, also gerade die Leute, von denen man im letzten Jahr erst einmal freudig abgelassen und die man dann aber nun endlich doch noch irgendwie vermisst hatte. Abgesehen von dem permanenten, und für mich doch recht untypischen Esprit, finde ich aber schon immer noch einen großen Teil von allen Sachen, die es insgesamt so gibt, irgendwie ätzend und also auch anteilig noch immer mehr, als den Teil Sachen, die ich tatsächlich irgendwie gut finde, was aber wiederum gut ist, es soll ja auch ein kritischer Text werden.

Zugleich ist es für mich inzwischen ziemlich ermüdend,  minutiöse Streitereien um Nuancen dort zu befeuern, wo es um die Suche nach konkreten Lösungen geht oder, vielleicht noch anstrengender, Ansätze genannter Lösungen in den dynamischen Unauflösbarkeiten ästhetischer Betrachtung zu suchen. Anders gesagt, ist mir besagtes Laissez-Faire gerade so freundlich zugewandt, dass es ein ganz schön hoher Preis zu sein scheint, diesen Zustand gerade dafür, sich explizit zu den Dingen äußern zu sollen, aufzugeben. Diese Bequemlichkeit brachte mich zu dem grundlegenden Entschluss, mich möglichst und ausschließlich nur noch auf einer Metaebene zu äußern.

Angeblich, laut Julius Vapiano, sind Metaebenen aber immer ziemlich langweilig, was stimmen kann. Mehr noch würde ich hier sogar noch viel weitergehen: alles auf einer Metaebene zu verhandeln ist anstrengend und elitär und man macht es sich ganz besonders einfach!! Letzteres finde ich ja aber wiederum gerade gut oder vielmehr denke ich, dass es sich manchmal und in manchen Bereichen einfach lohnt, sich nicht alle Konflikte anzueignen, dadurch möglicherweise auch mal einen Konflikt zu vermeiden und nicht überall, wo's nur geht, Öl ins Feuer zu gießen. Davon abgesehen hatte ich aber auch schon vor diesem Entschluss – nichts Konkretes zu was Konkretem zu sagen – versucht, es mir ganz besonders einfach zu machen.

Eigentlich hatte ich nämlich geplant, über 'A spectacular woman' von Annabelle Agbo Godeau im BPA-Space/-Fenster zu schreiben. Erstens, weil man da 16/7 hinspazieren kann, also auch ohne Termin und zweitens, weil ich Künstlerin und künstlerische Leitung zumindest nicht ganz direkt persönlich kenne. Damit dachte ich, könnte es ja nur ein Leichtes werden, allen Leuten zu geben, was sie wollen – reißerisches Lob zB. oder auch nur das Reißen vielleicht, weil man die Leute eh nicht kennt und dann geht’s auch am Besten in cool und witzig, als textförmiges Meme - gern edgy, aber jetzt auch nicht um jeden Preis. Dooferweise bin ich aber zum (im Mangel eines besseren Wortes) Soft Opening hingegangen und die unaufdringliche Freundlichkeit der Beteiligten und die, so sagte man mir, mindestens malerei-technisch und kuratorisch gelungene Show, hat mir dann ehrlich gesagt den Wind, den ich mir, eh schon ziemlich dünn, nur aus dem Titel der Show abgeleitet, erhofft hatte, aus den Segeln genommen. Und wohl könnten bestimmte Personen, die nicht ich und damit vielleicht weniger verweichlicht oder professioneller sind, trotzdem eine spannende Kritik schreiben und vielleicht könnte ich das potenziell schon auch. Leider ist mir aber schon aufgrund dieser kleinen, zu netten Begegnung das Risiko einer Verwechslung der (wie auch immer gewerteten) kritisch betrachteten Sache mit der darin erstmal ja nicht eingeschlossenen Urheber:in oder – noch viel unangenehmer – die Verwechslung meines Selbsts mit meiner Äußerung, zu groß. Vielleicht wäre es irgendwie leichter, mich mit einem kritischen Text an einer größeren Show abzuarbeiten oder schlichtweg an der Show eines bekannten Arschlochs, aber auch das würde dann ja nichts daran ändern, dass man bestimmte Dinge, sogar bestimmte ästhetische Dinge, eben nicht für sich betrachten kann oder will und zugegebenerweise auch nicht in jedem Fall sollte. Schwierig ist aber jedenfalls, dass auf diese Weise  plötzlich irgendwie alles-alles in einen großen Topf geworfen wird, der oft nicht mehr als obsolete Klüngel-Kritiken oder nivellierende Positionen ausspuckt, außer bei gewissen anonym Schreibenden vielleicht.

Es scheint mir, als sei die Kunst eben kaum mehr anders als in einem politischen und/oder sozialen Erfahrungsmodus zu rezipieren, sodass die Grenzen zwischen zB. Werk und Virtuos:in so verschwommen sind, dass man selbst nicht mehr so ganz genau weiß, wo die Grenzen der Kritik an-sich und am Werk verlaufen oder verlaufen sollten. Und das mag alles nichts Neues sein und es wäre wohl auch falsch, gänzlich von sich auf alle Anderen zu schließen, aber ich denke schon, dass sich hier auf mehreren Ebenen eine gewisse Distanzlosigkeit zum eigenen Selbst zeigt, welches einerseits als nun essentieller Teil der Arbeit produktiv gemacht und dadurch andererseits tendenziell grenzenlos affirmiert wird. Dabei vermute ich, dass diese Dynamik nicht völlig von einem gewissen erfahrungs-ästhetischen Autonomieverlust in der Kunst entkoppelbar ist. Ich könnte mich hier zwar gut irren, aber wenn es in der Rezeption eines Werkes mitunter weniger darum geht, einen gewissen Abstand zur eigenen Subjektivität zu gewinnen, also einen bestimmt konstituierten Blick auf die Welt zu hinterfragen, sondern vorrangiger darum, scheinbar didaktisch oder inhaltlich gesellschaftliche Relevanz zu beweisen, scheint mir das nicht unbedingt hilfreich zu sein. Einen reflektiven Abstand zu sich und zB. persönlichen Gefühlslagen zu gewinnen – und sei es auch nur auf der Ebene einer selbst-ausbeuterischen Arbeit – scheint jedenfalls nirgendwo wirklich en vogue zu sein. Davon gänzlich ausnehmen kann ich mich aber ja offenbar  auch nicht. Wie angekündigt sage ich also lieber nichts, damit dann wiederum niemand was zu meinem Sagen sagen kann, weil mein Sagen wäre ja quasi ich und Letzteres allein ja überall äußerst entscheidend. So bleibt das Glas wenigstens auch weiterhin halb voll und dem lästigen Chaos da draußen ganz Herrin geworden, gehts mir wie gesagt gut.



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