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	Archiv 2020/21





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		<title>Header Ende Mai</title>
				
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Gastro Party Kunstkritik 

Für Köln

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		<title>grüner rand 1</title>
				
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		<pubDate>Tue, 25 May 2021 10:48:56 +0000</pubDate>

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		<title>cover gratis kritik 8</title>
				
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		<pubDate>Tue, 25 May 2021 10:51:18 +0000</pubDate>

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Hammer schaut in den Spiegel</description>
		
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		<title>grüner rand 2</title>
				
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		<pubDate>Tue, 25 May 2021 10:48:48 +0000</pubDate>

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		<title>A spectacular woman im BPA Space</title>
				
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		<pubDate>Tue, 25 May 2021 10:18:20 +0000</pubDate>

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A spectacular woman im BPA Space

25.05.2021 &#124; Kunst&#38;nbsp;

Jana D. über Annabelle Agbo Godeau – A spectacular woman. BPA Space,&#38;nbsp;Parkhaus Maastrichter Str. 10, Ecke Brabanter Str.
23. April - 23. Mai 2021
Es ist Mitte Mai und es ist, klimatisch gesprochen, immer noch Winter. Außerdem gibt es jetzt jeden Tag aufs Neue die gleiche Überraschung; also immer dann, wenn einem um fünf nach Neun noch auffällt, dass es im Haushalt wirklich dringenden Bedarf an Tabak, Bier oder Schokoriegeln gibt, dieser sich aber höchstens erst wieder am nächsten Tag decken ließe. Weil man heutzutage ja aber um Elf Uhr morgens auch keine Biere mehr trinkt, ist die Dringlichkeit beim Aufwachen... dann natürlich längst überwunden worden, was man aber auch irgendwie als nicht das schlechteste Szenario einordnen könnte, zB. wenn man das Glas immer schön halb voll sieht. Und generell scheint das sprichwörtliche Glas bei mir tatsächlich gerade recht gut gefüllt. Also, es geht gerade alles und zwar trotz Allem, irgendwie unerhört gut. Meine eigentlich schon vor der pandemischen Lage ziemlich konstante Doomer-Attitüde hat sich in ein ziemlich penetrantes und vollkommen parareales das wird schon gekehrt. Und auch das sehr berechtigte, auf diese, zugegebenermaßen ziemlich entleerte Phrase folgende du nervst kann dem gar nichts abtun. 

Und man will der Kunst zwar nicht mehr Bedeutung zumessen, als es ihr gut tut und als sie, in ihrer tendenziell autonomen Logik, überhaupt haben will, aber möglicherweise hat mein, offenbar ebenso von vielen Dingen losgelöstes halbvolles Glas auch damit zu tun, dass es wieder Besuchsziele gibt. 

Gut ist für mich dabei, dass man dort potenziell auch ein paar Leute treffen kann, also gerade die Leute, von denen man im letzten Jahr erst einmal freudig abgelassen und die man dann aber nun endlich doch noch irgendwie vermisst hatte. Abgesehen von dem permanenten, und für mich doch recht untypischen Esprit, finde ich aber schon immer noch einen großen Teil von allen Sachen, die es insgesamt so gibt, irgendwie ätzend und also auch anteilig noch immer mehr, als den Teil Sachen, die ich tatsächlich irgendwie gut finde, was aber wiederum gut ist, es soll ja auch ein kritischer Text werden. 

Zugleich ist es für mich inzwischen ziemlich ermüdend,&#38;nbsp; minutiöse Streitereien um Nuancen dort zu befeuern, wo es um die Suche nach konkreten Lösungen geht oder, vielleicht noch anstrengender, Ansätze genannter Lösungen in den dynamischen Unauflösbarkeiten ästhetischer Betrachtung zu suchen. Anders gesagt, ist mir besagtes Laissez-Faire gerade so freundlich zugewandt, dass es ein ganz schön hoher Preis zu sein scheint, diesen Zustand gerade dafür, sich explizit zu den Dingen äußern zu sollen, aufzugeben. Diese Bequemlichkeit brachte mich zu dem grundlegenden Entschluss, mich möglichst und ausschließlich nur noch auf einer Metaebene zu äußern. 

Angeblich, laut Julius Vapiano, sind Metaebenen aber immer ziemlich langweilig, was stimmen kann. Mehr noch würde ich hier sogar noch viel weitergehen: alles auf einer Metaebene zu verhandeln ist anstrengend und elitär und man macht es sich ganz besonders einfach!! Letzteres finde ich ja aber wiederum gerade gut oder vielmehr denke ich, dass es sich manchmal und in manchen Bereichen einfach lohnt, sich nicht alle Konflikte anzueignen, dadurch möglicherweise auch mal einen Konflikt zu vermeiden und nicht überall, wo's nur geht, Öl ins Feuer zu gießen. Davon abgesehen hatte ich aber auch schon vor diesem Entschluss – nichts Konkretes zu was Konkretem zu sagen – versucht, es mir ganz besonders einfach zu machen. 

Eigentlich hatte ich nämlich geplant, über 'A spectacular woman' von Annabelle Agbo Godeau im BPA-Space/-Fenster zu schreiben. Erstens, weil man da 16/7 hinspazieren kann, also auch ohne Termin und zweitens, weil ich Künstlerin und künstlerische Leitung zumindest nicht ganz direkt persönlich kenne. Damit dachte ich, könnte es ja nur ein Leichtes werden, allen Leuten zu geben, was sie wollen – reißerisches Lob zB. oder auch nur das Reißen vielleicht, weil man die Leute eh nicht kennt und dann geht’s auch am Besten in cool und witzig, als textförmiges Meme - gern edgy, aber jetzt auch nicht um jeden Preis. Dooferweise bin ich aber zum (im Mangel eines besseren Wortes) Soft Opening hingegangen und die unaufdringliche Freundlichkeit der Beteiligten und die, so sagte man mir, mindestens malerei-technisch und kuratorisch gelungene Show, hat mir dann ehrlich gesagt den Wind, den ich mir, eh schon ziemlich dünn, nur aus dem Titel der Show abgeleitet, erhofft hatte, aus den Segeln genommen. Und wohl könnten bestimmte Personen, die nicht ich und damit vielleicht weniger verweichlicht oder professioneller sind, trotzdem eine spannende Kritik schreiben und vielleicht könnte ich das potenziell schon auch. Leider ist mir aber schon aufgrund dieser kleinen, zu netten Begegnung das Risiko einer Verwechslung der (wie auch immer gewerteten) kritisch betrachteten Sache mit der darin erstmal ja nicht eingeschlossenen Urheber:in oder – noch viel unangenehmer – die Verwechslung meines Selbsts mit meiner Äußerung, zu groß. Vielleicht wäre es irgendwie leichter, mich mit einem kritischen Text an einer größeren Show abzuarbeiten oder schlichtweg an der Show eines bekannten Arschlochs, aber auch das würde dann ja nichts daran ändern, dass man bestimmte Dinge, sogar bestimmte ästhetische Dinge, eben nicht für sich betrachten kann oder will und zugegebenerweise auch nicht in jedem Fall sollte. Schwierig ist aber jedenfalls, dass auf diese Weise&#38;nbsp; plötzlich irgendwie alles-alles in einen großen Topf geworfen wird, der oft nicht mehr als obsolete Klüngel-Kritiken oder nivellierende Positionen ausspuckt, außer bei gewissen anonym Schreibenden vielleicht. 

Es scheint mir, als sei die Kunst eben kaum mehr anders als in einem politischen und/oder sozialen Erfahrungsmodus zu rezipieren, sodass die Grenzen zwischen zB. Werk und Virtuos:in so verschwommen sind, dass man selbst nicht mehr so ganz genau weiß, wo die Grenzen der Kritik an-sich und am Werk verlaufen oder verlaufen sollten. Und das mag alles nichts Neues sein und es wäre wohl auch falsch, gänzlich von sich auf alle Anderen zu schließen, aber ich denke schon, dass sich hier auf mehreren Ebenen eine gewisse Distanzlosigkeit zum eigenen Selbst zeigt, welches einerseits als nun essentieller Teil der Arbeit produktiv gemacht und dadurch andererseits tendenziell grenzenlos affirmiert wird. Dabei vermute ich, dass diese Dynamik nicht völlig von einem gewissen erfahrungs-ästhetischen Autonomieverlust in der Kunst entkoppelbar ist. Ich könnte mich hier zwar gut irren, aber wenn es in der Rezeption eines Werkes mitunter weniger darum geht, einen gewissen Abstand zur eigenen Subjektivität zu gewinnen, also einen bestimmt konstituierten Blick auf die Welt zu hinterfragen, sondern vorrangiger darum, scheinbar didaktisch oder inhaltlich gesellschaftliche Relevanz zu beweisen, scheint mir das nicht unbedingt hilfreich zu sein. Einen reflektiven Abstand zu sich und zB. persönlichen Gefühlslagen zu gewinnen – und sei es auch nur auf der Ebene einer selbst-ausbeuterischen Arbeit – scheint jedenfalls nirgendwo wirklich en vogue zu sein. Davon gänzlich ausnehmen kann ich mich aber ja offenbar&#38;nbsp; auch nicht. Wie angekündigt sage ich also lieber nichts, damit dann wiederum niemand was zu meinem Sagen sagen kann, weil mein Sagen wäre ja quasi ich und Letzteres allein ja überall äußerst entscheidend. So bleibt das Glas wenigstens auch weiterhin halb voll und dem lästigen Chaos da draußen ganz Herrin geworden, gehts mir wie gesagt gut. 








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O wie Burg

25.05.2021 &#124; Kunst&#38;nbsp;

Fritzi Schneckenhaus über Breadcrumbs: Art in the Age of NFTism bei Nagel Draxler; Luka Duwenhögger, Katharina Wulff bei Galerie Buchholz; Bahnhof für zwei bei PiK Deutz. Details unten
Die Ausstellung bei Nagel Draxler ist ein schlechter Witz, ich sage es, wie es ist. Sorry.
Wenn Galerist*innen auf den NFT-Diskurs aufspringen, als wäre da irgend etwas Neues zu untersuchen, als würden da irgendwelche neuen künstlerischen Ausdrucksmittel diskutiert werden, ist es das Entlarvendste der Welt. Das Einzige, was da ganz praktisch diskutiert wird, ist, wie man noch schneller an noch mehr Geld kommen kann. Oder in diesem Fall...: wie Andere noch schneller an noch mehr Geld gekommen sind. Get over it. Diskurse werden woanders geführt. Hier wird nur die nächste Sau durchs Dorf gejagt:

Die Räume von Nagel Draxler Köln sehen aus wie ein Messestand. Rote beschriftete Folie klebt an den Wänden, darüber Bilder, die wie Werbung aussehen. Oder vor diesem Hintergrund nicht anders können als Werbung zu werden. Es ist schon mühsam: Ein Künstler druckt langweilige Rasterbilder auf Alu-Dibond, auf denen Code abgebildet ist, und verkauft die für 150000 USD, ich hab nicht mal Lust mir hier schöne Formulierungen aus den Fingern zu saugen. Ja, mir ist es tatsächlich scheißegal, was für weitere Räume aufgemacht werden, wenn ich den ganzen Kontext dahinter kennen würde. Es könnte wenigstens formal dazu ermuntern, mich für den Hintergrund zu interessieren. Leider sieht es einfach nur scheiße aus.

In dem großspurigen Ankündigungstext schreibt Kenny Schachter, der den Müll hier zu verantworten hat, die Ausstellung möchte mit folgenden „falschen Annahmen“ aufräumen, „die in der heutigen Kunstindustrie weit verbreitet sind: dass es sich um eine Modeerscheinung und/oder nicht um Kunst handelt.“
Allein, zumindest eine der Annahmen ist gar nicht falsch: Ein NFT ist keine Kunst, sondern ein Behälter, in dem Kunst verkauft werden kann. Eine Distributionsmöglichkeit. Eine Erfindung, um das letzte Rotz-JPEG zu Geld zu machen.
Die Frage, ob es eine Modeerscheinung ist, könnte banaler nicht gestellt werden. Solange Menschen NFTs zu Geld machen können, wird es NFTs geben. Je mehr Geld sie damit machen, desto mehr wird es geben und über sie geredet werden. Eben nicht über die Kunst, die als NFT verkauft wird, denn die gab es schon davor. Als Dateien, die dann entweder glücklicherweise als Raubkopien im Internet zu sehen sind, oder gut gehütet bei Julia Stoschek oder sonstwem im Keller auf Festplatten liegen, auf die nächste kontextualisierende Gruppenausstellung wartend.

Leider zeigt hier mal wieder eine Galerie, wie lächerlich sie scheitert, wenn sie sich kritisch (in diesem Fall kritisch-affirmativ) mit “dem Markt” auseinandersetzen möchte. Fangt einfach bei euch selber an, mehr gibt’s hier nicht zu tun. 

Um mich zu beruhigen, gehe ich zu épi auf der Breite Straße und kaufe mir eins von diesen versauten Käseküchlein und einen starken Kaffee. Es ist noch nicht lange her, dass ich dieses kleine Törtchen entdeckt habe, als ich mir nach einem Zahnarztbesuch den Listerinegeschmack aus dem Mund schälen musste. Ich drücke es mir in zwei Bissen in den Mund, stehe schon vor der Galerie Buchholz und bin etwas besserer Dinge.

In den Galerieräumen holen mich Lukas Duwenhögger und Katharina Wulff wieder runter. Ein paar kleinformatige, gerahmte Collagen von Duwenhögger und drei Malereien von Wulff hängen an der Wand. Unaufgeregt und schön. Lukas Duwenhöggers Collagen sind schon älter, von 1977- 1983, und zeigen einen Witz, den ich in seinen aufwendigen Malereien oft nur erahnen kann. Schöne, kleine Phantasiewesen huschen über kräftige Farben, ganz entspannt mit sich selbst.
Alles an der Präsentation ist maximal unaufgeregt, ein schöner Kontrast zu dem Geschrei bei Nagel Draxler. Auf den Gouache-Malereien von Wulff schaut mir eine Katze entgegen, eine Frau lutscht genüßlich an einem großen Zeh und ich bekomme auf eine gute Art und Weise wieder Lust, mich in meinem Bett zu verkriechen. Mit wenigen Gesten schafft die Künstlerin ihren subtilen Humor auszubreiten. Wenig zu sagen, alles gut.

Ich fahre weiter auf die andere Seite des Rheins und schaue im PiK Deutz vorbei, in dem Lisa Klosterkötter und Elena Malzew eine Film- und Performancereihe unter dem Namen “Bahnhof für zwei” kuratiert haben. 
Es freut mich, dass gerade Projekträume wie das PiK es schaffen, gute Formate für die Bedingungen unter den Pandemiebeschränkungen zu finden. Die unterschiedlichen Beiträge der Ausstellungen werden an verschiedenen Wochenenden präsentiert. Man kann sie sich per Stream anschauen, oder aber auch vorbeigehen und vor Ort schauen. 

Als ich dort ankomme, möchte ich eigentlich den Film “Bye, bye Baby” von Julia Boxler sehen, der dieses Wochenende gezeigt wird. Der Zeitpunkt scheint allerdings etwas unpassend, da die Kuratorinnen gerade den Soundcheck für das Künstlerinnengespräch machen. Also schaue ich mir die skulpturalen Kulissen für die kommenden und schon vergangenen Performances an und höre Lisas Tochter dabei zu, wie sie immer wieder “Hallo… Hallo…” ins Mikrofon sagt. 

In einem runden, aus großen Holzstämmen gebauten Palisadenbau spiele ich ein Alphabetspiel mit ihr: N wie Pflanze, O wie Burg, A wie Katze, you name it. Besser hätte der Ausstellungsbesuch nicht laufen können und ich verabschiede mich.

Zuhause streame ich dann den Film von Julia Boxler, versinke in ihrem Roadmovie, in dem sie ihre alte Heimat und verschiedene Erinnerungsorte in Kasachstan besucht, das sie mit drei Freunden, zum ersten Mal nach ihrem Abschied in ihrer Kindheit, bereist. Immer wieder rennt die Filmemacherin von der Kamera weg, hinein in die Steppe und schlägt dazu einen schönen Bogen zu dem Thema der Ausstellung, das um dieses Motiv des Weglaufens, und all den Gründen dafür, kreist. Während draußen ein Gewitter aufzieht, sitze ich auf der Couch und schaue den vier Freunden in Kasachstan dabei zu, wie sie immer wieder, mit allen möglichen neuen Bekanntschaften, alten Freunden und wiedergesehenen Familienmitgliedern einen Schnaps nach dem anderen trinken. Hier sitzen und ihnen dabei zuschauen: Nichts beschreibt meine letzten sieben Monate besser.

–
Breadcrumbs: Art in the Age of NFTism bei Galerie Nagel Draxler, Elisenstraße 4-612.05. - 21.08.2021
Luka Duwenhögger, Katharina Wulff bei Galerie Buchholz, Neven-DuMont-Str. 17
21. April - 29 Mai 2021 Вокзал для двоих. Bahnhof für zwei. Performance- und Filmreihe mit Julia Boxler, Sophie Calle and Greg Shephard, Florrie James, Isabel Lewis, Mira Mann, Café Miao und Miriam Stoney. Kuratiert von Lisa Klosterkötter und Elena Malzew 
PiK Deutz, Deutz-Mülheimer Straße 127
1. Mai - 15. August 2021





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		<title>grüner rand 4</title>
				
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		<pubDate>Tue, 25 May 2021 10:48:07 +0000</pubDate>

		<dc:creator>It Tastes Like Ashes</dc:creator>

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		<title>Liam Gillick in Sankt Peter</title>
				
		<link>https://tasteslikeashes.de/Liam-Gillick-in-Sankt-Peter</link>

		<pubDate>Tue, 25 May 2021 11:36:47 +0000</pubDate>

		<dc:creator>It Tastes Like Ashes</dc:creator>

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Liam Gillick in Sankt Peter

25.05.2021 &#124; Kunst&#38;nbsp;

Emma Bieck über Replace Rubens – Liam Gillick: Kinetic Energy of Rigid Bodies. Jesuitenkirche Sankt Peter, Leonhard-Tietz-Str. 6
22. April – 6. Juni 2021
Besonders weil Museen zur Zeit geschlossen haben, bieten sich Kirchen zum Kunst anschauen an. In St. Peter in der Nähe vom Neumarkt ist Liam Gillicks Arbeit Kinetic Energy of Rigid Bodies zu sehen.

Sie ist Teil der Ausstellungsreihe Replace Rubens. Normalerweise hängt an der Ostwand der Kirche das Gemälde die Kreuzigung Petri von Peter Paul Rubens. Zur Zeit wird das Werk technischen Untersuchungen unterzogen und deshalb ist die Wand leer. Diese Lücke wird... also gefüllt. Von Mai 2020 bis April 2021 waren dort Arbeiten von Gerhard Richter und Walid Raad zu sehen, nun eine von Liam Gillick. 

Der Innenraum von St. Peter mit seinem glatten Betonboden ist komplett leer. An der Ostwand, direkt neben dem Altar wurde eine Vinylgrafik auf die Wand aufgebracht,&#38;nbsp; die in Größe und Platzierung der Kreuzigung Petri entspricht. Es ist eine riesige, entblößte männliche Figur zu sehen, die auf einem Stück Gras steht und die am ganzen Körper von verschiedenen spitzen Werkzeugen durchstoßen wird: Speere, Schwerter, Messer, eine Axt und zahlreiche gebrochen Pfeile. Die linke Hand ist beinahe abgetrennt, der Blick auf den Knochen ist frei, lediglich mit einem Stück Haut ist sie noch mit dem restlichen Körper verbunden. Man fühlt und assoziiert unvergleichliche Schmerzen, aber man sieht sie nicht, denn der Mann steht aufrecht, den Kopf leicht nach rechts geneigt und den Blick nach unten gesenkt. Als ob er Modell steht, ist sein linkes Bein leicht angewinkelt. Über ihm ist eine Denkblase mit der Formel für kinetische Energie, E (klein k) = 1/2 mv^2 zu sehen. Kinetische Energie bedeutet Bewegungsenergie,&#38;nbsp; zum Beispiel die Wucht der Bewegung, mit der bestimmte Objekte einen Körper treffen. 

Die abgebildete Figur ist ein Holzschnitt, der das spätmittelalterliche Motiv des Wundenmanns darstellt. Gefunden hat Gillick dieses Motiv in einer medizinischen Handschrift der Kriegschirurgie. Der Wundenmann ist die säkularisierte Form des christlichen Schmerzensmanns, wie etwa Jesusoder auch Petrus. In medizinischen Büchern wurde diese Figur benutzt, um dem Betrachter einen Überblick über die verschiedenen Formen von Wunden zu geben. Liam Gillick sammelt schon seit den 1990er Jahren mittelalterliche Holzschnitte. Sie sind immer wieder in seinen Ausstellungen zu sehen, oft setzt er sie seinen abstrakten Objekten und Installationen aus Aluminium gegenüber. Auch den Wundenmann hat Gillick bereits in anderen Zusammenhängen gezeigt. In seiner Ausstellung A Depicted Horse is not a Critique of a Horse von 2019, die in der Kerlin Galerie in Dublin stattfand, zeigte Gillick große Wandgrafiken von spezifischen Charakteren. Er stellte jeweils einer Druckgrafik eines mittelalterlichen Holzschnitts einen Kommentar über kontemporäre Produktionsbedingungen zur Seite. Der Wundenmann denkt an den Satz „Return of Capital Employed“. Ein auf einem Pferd reitender Ritter träumt von abstrakten geometrischen Formen und ein Mönch trinkt auf die ersten von Robotern produzierten Autos1. Indem Gillick spätmittelalterliche Produktionsprozesse mit denen des 20. und 21. Jahrhunderts parallelisiert, wird eine Verbindung und eine Gleichzeitigkeit konstruiert, welche auf die Ursprünge unserer kontemporären Produktionsbedingungen im 16. Jahrhundert verweisen, den Beginn kapitalistischer Produktion. Dabei kann man das Wort Ursprung nicht nur als Anfang unserer heutigen Situation verstehen, sondern auch als Fülle ungeahnter Möglichkeiten unterschiedlicher historischer Abschnitte, welche uns als physische oder eingebildete Schmerzen heimsuchen. Die selbstreflexive Verortung der eigenen künstlerischen Arbeit in der kunsthistorischen Tradition und unter den gegebenen ökonomischen Produktionsverhältnissen ist ein zentraler Bestandteil der Arbeit Gillicks. Seine Arbeiten sind eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von kontemporärer Kunst zum kapitalistischen Wirtschaftssystem und der Frage nach der Möglichkeit von Kunst als Kritik. Das kontemporäre Verhältnis von Kunst zum Kapitalismus zeigt einige Ähnlichkeiten und Überschneidungen auf, die auch in Gillicks Praxis zu finden sind. Eine Überschneidung ist der Wandel innerhalb der Kunst von eher autonomen, objektbasierten Aktivitäten hin zu direkten Auseinandersetzungen mit den sozialen und institutionellen Bestimmungen künstlerischer Tätigkeiten. Mit diesem Wandel innerhalb der Kunst geht ein Wandel innerhalb der Produktionssphäre einher von einer industriellen Wirtschaftsorganisation hin zu einer informationsbasierten Ökonomie, in welcher intellektuelle Lohnarbeit an Bedeutung gewinnt und die Kommodifizierung immer weitere Teile des gesellschaftlichen Lebens einholt. In diese Entwicklung fällt dann auch die Transformation von traditionellen Fähigkeiten und Kompetenzen von Künstler*innen und die steigende Bedeutung konzeptueller Tätigkeiten seit den 1960er Jahren2. Informationsaustausch wird zentraler Aspekt der Wertgenerierung in der Warenproduktion und in der Kunst. 

Gillicks Druckgrafiken mittelalterlicher Holzschnitte sind Darstellungen bestimmter mittelalterlicher Figuren wie der Wundenmann oder der Ritter, versehen mit einem selbstreflexiven Kommentar über ihre eigene Position. Der Wundenmann des Spätmittelalters, der, getroffen von unzähligen Waffen, über die mathematische Formel kinetischer Energie des 19. Jahrhunderts nachdenkt, welche seinen eigenen Schmerz rationalisiert und quantifizierbar macht, ist also einerseits die Herstellung einer Gleichzeitigkeit und historischen Bedingtheit wissenschaftlicher Erkenntnis mit ekstatischen Leiden und andererseits eine Verbildlichung des selbstreflexiven Denkprozesses von Gillick. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Arbeit bei der Betrachtung seltsam überdeterminiert erscheint. Die Denkblase über dem Kopf des Wundenmannes und seine eigene rationale Einordnung des Schmerzes, lassen der Betrachter*in kaum Platz für eine eigene sinnliche Erfahrung, für eine eigene Zuschreibung von Bedeutung. Man fühlt nicht den Schmerz, wie man es vielleicht bei der Betrachtung des Gemäldes von Petrus von Rubens tun würde. Diese Überdeterminierung der Arbeit betont ihren eigenen Nutzen im Angesicht der Betrachter*, Information wird wichtiger als die eigene ästhetische Erfahrung. Und es liegt der Schluss nahe, dass für Gillick eine ästhetische Erfahrung heute vor allem eine Verarbeitung von Information ist, analog zum immer weiter fortschreitenden Prozess der Kommodifizierung aller menschlichen Beziehungen in verwertbare Informationen.
1 
https://thequietus.com/articles/25740
 
2 Stewart Martin, Being Liam Gillick.&#38;nbsp;https://www.metamute.org/editorial/articles/being-liam-gillick






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